Es war ein Mal ein Glücksritter…

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Es war ein Mal ein Glücksritter…

… der rief mich an und wollte einen Termin mit mir vereinbaren. Es geht „um das Geschäft meines Lebens“ und „wer nicht mit macht, der hat schon verloren“. Etwas wiederwillig, dem lauten Schnauben des Ritters folgend, trabte ich zu dem ausgemachten Termin, obschon wissend, das es sich bei diesem Pferdehandel unmöglich um eine seriöse Tätigkeit handeln könnte.

In der guten Ritterstube angekommen naht mir schon der Glücksritter. Forscher Schritt, kräftiger Händedruck, selbstbewusst, stark, schneller als sein Schatten.
Das Gespräch beginnt. „Der heutige Tag kann alles in Ihrem Leben verändern“. Und „Ritter oder Fee?, das ist hier die Frage“, oder war es Ritter oder Pöbel? Oder Prinz oder Pferd? Ich weiß es nicht mehr. „Bevor wir zum Geschäft kommen, eine „ganz kurze“ Vorstellung von mir: Ich bin Ritter, ehrenwert, war schon immer der Beste, durch das Geschäft was ich Ihnen gleich zeige bin ich der Allerbeste geworden, bin richtig gut drauf. Außerdem: Das ist meine Burg, das mein schwarzer Hengst, das meine Kriegsflotte, das mein Pöbel, das meine Prinzessin und Ackerland habe ich auch noch. Und außerdem habe ich… und bevor ich nicht….“
Puuh, denke ich. Dann geht es weiter:
„Nun zum Geschäft: Sie können endlich erfolgreich werden, jetzt ist endlich auch für Sie mal ein Stück vom Kuchen drin, jetzt tanzen die Mädels im Saloon auch mal für Sie. Denn Sie können… Sie sind dann… Alles total easy.
Achtung: Sie schreiben sich jetzt hier ein. Bestellen einmalig ein großes Sortiment an diesen genialen, unausweichlichen Produkten, auf die der ganze Wilde Westen und die Antike und auch die goldene Ritterzeit gewartet hat. Wie war ein Leben vor dieser Produktwelt überhaupt möglich? Unglaublich. Na ja, auf jeden Fall ist das jetzt Ihre Goldader, Sie heben den Schatz. Was Sie machen müssen? Jetzt eigentlich nichts mehr.
Sie müssen sich das in etwa so vorstellen: Sie satteln Ihr Pferd, legen Ihre Rüstung ab, behalten nur Ihr Schwert und reiten mit ausgestreckten Armen über Ihre Ländereien Das Geld, die Taler, die Asche, die Millionen – das kommt alles von ganz alleine. Sie müssen einfach nur reiten. Und Sie können an jeder Ritterstube, an jedem Saloon, an jedem Festzelt anhalten und sich ordentlich betrinken, richtig viele Gulden verprassen, denn es kommt ja ständig Neues nach. Ihre Geschäfte laufen ja, Geld spielt keine Rolle mehr. So viel, wie reinkommt, das kriegen Sie nie wieder raus.“
„Und, wie finden Sie es?“
„Ääh, was machen Sie eigentlich, junger Mann?“
Bevor ich antworten kann merkt der Glücksritter: „Den habe ich noch nicht, der versteht es einfach noch nicht, kann man so doof sein?“



Und so setzt der Glücksritter zum entscheidenden Dolchstoß an, es wird richtig emotional: „Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, junger Mann..“ Jetzt fasst er sich in seinen Hals rein. Es wird still und ich bekomme Angst. Ob der Ritter ein Hufeisen aus seiner Brust holt? Weiter: „Sehen Sie diese goldene, fette, ok: zugegebenermaßen auch sauteure Kette?
Damals war ich wie Sie. Auf der Suche nach dem großen Glück. Und als ich am Boden lag, da sagte ich mir: Wenn Du es geschafft hast, Reinhold, wenn Du es wirklich geschafft hast, dann kaufst du dir diese Kette. Täglich bin ich bei dem Juwelier meines Vertrauens vorbei gegangen. Ich habe die Motivation förmlich in mich aufgesogen. Und dann war der Moment da. Ich bin reingegangen, habe die Kohle cash auf den Tisch gelegt, kein Wort gesagt, stumm auf die Goldkette gezeigt und sie einfach gekauft. Nun trage ich sie. Und immer wenn ich sie an meiner Brust spüre denke ich an zwei Sätze, die ich Ihnen auch heute mitgeben möchte. Ich denke: Reinhold, du mußt einmal mehr aufstehen wie du hingefallen bist. Und: Lebe nicht deine Träume, sondern lebe dein Leben… falsch, warte: Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume – so ähnlich. Und was mir da noch sehr wichtig geworden ist: Du kannst alles, du mußt nur fest dran glauben.“

Mit feuchten Augen fixiert Reinhold, der Glücksritter, meinen Blick. Tief dringt er mit seinem Blick in mich ein. Und da ist es! Ein mitleidsvolles Grinsen huscht über sein Gesicht: „Sie blicken es nicht, junger Mann, richtig? Und arbeiten wollen Sie auch nichts? Sie sind teil dieser verdorbenen, faulen Generation die nur an ihren Handys rumspielen, richtig? Sie haben einfach die Spielregeln noch nicht verstanden, junger Mann. Wenn Sie irgendwann wissen wollen, also echt wissen wollen wie der Hase läuft, dann rufen Sie mich an. Meine Nummer haben Sie. Aber bis dahin bitte ich Sie, das Sie mir nicht mehr meine teure Zeit stehlen. Und noch was: Denken Sie immer an die Kette!“.
„Ich darf Sie zum Ausgang begleiten?“
„Alles Gute, bis dann und denken Sie immer dran: Lieber aufrecht sterben als kniend leben!“
„Tschö“

Eine Geschichte zum Schmunzeln über das Network-Marketing, Multi Level Marketing (MLM), bzw. Direktvertrieb oder auch Srukturvetrieb zu den 80ern. Eine Zeit, in der die Glücksritter diese Geschäftssysteme für sich entdeckten. Und eine Hommage an die Vertriebspartner, die dieses teuer erworbenen Kulturgut bis in die heutige Zeit hinüber gerettet haben.