Immer mehr Deutsche üben neben ihrer eigentlichen Beschäftigung einen Zweitjob aus.

Zweitjob

Das zweite Bein!

Sich durch kleinere Tätigkeiten ein Zubrot zu verdienen, ist seit Langem und in allen sozialen Gruppen gängige Praxis – sei es der Student, der abends kellnert, die nichtberufstätige Mutter, die in freien Stunden Übersetzungsarbeiten erledigt oder der rüstige Rentner, der sich mit Gartenarbeiten einige Euros verdient.

Neu hingegen ist, dass immer mehr Berufstätige neben ihrer eigentlichen Beschäftigung einen zweiten Job ausüben. Wie viele es genau sind, darüber streiten die Experten. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jobben gut 2,2 Millionen Angestellte nach Feierabend. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hingegen hat nur rund 1,4 Millionen Zweitjobber gezählt, womit sich die Zahl seit 2002 nahezu verdoppelt habe. Doch ob 2,2 oder 1,4 Millionen: Der Trend ist eindeutig.

In den USA ist das Phänomen des Zweit- oder sogar Drittjobs seit Langem bekannt. Dort sind es vor allem die schlecht ausgebildeten Geringverdiener, die sich an mehreren Baustellen gleichzeitig verdingen, weil die mit dem Geld aus einer Erwerbsquelle nicht über die Runden kommen. In Deutschland hingegen ist das anders: Während Erwerbstätige ohne Berufsausbildung eher selten eine Nebentätigkeit ausüben, organisieren sich vor allem gut ausgebildete Fachkräfte und Akademiker einen Zweitjob. Versicherungsvertreter, Hochschullehrer, Publizisten, Ärzte und Juristen, Menschen also, die es nicht unbedingt nötig haben, Extraschichten zu schieben. Oder etwa doch?

Tatsächlich geht der Trend zum Zweitjob mit den gravierenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren einher. So sind feste Beschäftigungen in den meisten Branchen nicht nur seltener, sondern auch unsicherer geworden. Jeder hat registriert, wie schnell Arbeitsplätze abgebaut, Abteilungen verlegt und Betriebe geschlossen werden. Auch sind die Löhne und Gehälter weniger gestiegen als die Kosten des täglichen Bedarfs. Hinzu kommt, dass das soziale Absicherungsnetz dünner geworden sind – Stichwort Hartz IV. Auf die prekärer gewordenen Arbeits- und Lebenssituation reagiert die nervös gewordene Mittelschicht mit einem Run auf die Zweitjob. Doch nicht immer geht es dabei nur ums Geld.

Jeder Zweitjob bessert das individuelle bzw. das Familieneinkommen auf. Das hilft, den nächsten Urlaub, die teure Zahnbehandlung oder das Studium der Tochter zu finanzieren. Das Extrageld ist aber nur ein Motiv für den Zweitjob. Mitunter geht es auch um immaterielle Werte. Eine Journalistin etwa, die neben ihrer festen Redaktionstätigkeit ein Kinderbuch schreibt, macht das in der Regel nicht, um reich zu werden, sondern aus Lust an der Sache. Sie bringt damit Abwechslung in ihren Berufsalltag oder es steckt der Wunsch nach mehr Selbstverwirklichung dahinter. Weitere Motive sind neben dem Geld, Spass am Jobben zu haben, andere Menschen kennen zu lernen, eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu haben oder den Lebenslauf auf zu werten.

Ein zentrales Motiv für den Zweitjob besteht aber auch darin, mit den gewachsenen Unsicherheiten der Erstbeschäftigung umzugehen. Fast niemand mag sich heute noch darauf verlassen, bis zur Rente beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt zu sein. Daher scheint es ratsam zu sein, sich nicht auf einem Standbein auszuruhen. Mag kaum ein Zweitjob den Erstjob ersetzen können – er eröffnet neue Wege und vermittelt wichtige Kontakte.

Was Zweitjobber wissen sollten:

Brutto gleich Netto gilt beim Zweijob dann, wenn der Verdienst 400 Euro im Monat nicht übersteigt. Denn dann wird die Tätigkeit als Mini-Job eingestuft und sie bleibt für den Arbeitnehmer abgaben- und steuerfrei. Wer mehr als 400 Euro im Monat nebenbei verdient, muss im Zweitjob eine zweite Steuerkarte mit der unattraktiven Klasse VI abgeben. Wer seinen Zweitjob selbstständig ausübt – und das ist fast die Hälfte aller Doppeljobber –, muss am Jahresende seine Gewinne mit Hilfe einer Einnahmen-Überschussrechnung ermitteln und diese in der Steuererklärung angeben.

Foto: Shutterstock, Bildnummer: 302492729, Urheberrecht: g-stockstudio